Presse auf Eis

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Der Pressekonferenzraum ist eigentlich nur ein Mehrzwecksaal mit besseren Absichten. Eine Reihe Stühle, ein Podium, Mikrophone auf zu dünnen Stativen, ein Banner mit dem Logo des Wohltätigkeitsturniers, das jetzt wie eine Erinnerung an einen gescheiterten Vorsatz aussieht. Auf den ersten Reihen sitzen Lokaljournalistinnen, Funktionäre, Vereinsmenschen, zwei erschöpfte Photographen, eine nervöse Gemeinderätin und mehrere Gäste, die nicht wissen, ob sie hier Zeugenschaft oder nur Gesellschaftspflicht leisten. Das Licht ist zu hell. Die Luft zu warm. Die Fragen schon im Raum, bevor jemand sie ausspricht. JONATHAN und JENNIFER HART stehen am Podium. Rechts und links von ihnen SHANE HOLLANDER, Arm in provisorischer Schlinge, verschwitzt genug, dass die Verletzung heldenhaft und nicht hilfsbedürftig aussieht. ILYA ROZANOV, aufgerichtet, makellos kontrolliert, als wolle er allein mit Haltung verhindern, dass jemand ihm eine falsche Geschichte anheftet.
Jennifer hat sie genau richtig als flankierende Figuren von sich und Jonathan außen platziert: nah genug, um Zusammenhalt zu zeigen, weit genug, um Anstand zu signalisieren, glamourös genug, dass jede Erklärung wie eine soziale Ehrung und nicht wie Schadensbegrenzung wirkt. Am Rand des Raumes stehen Mulder und Scully. Nicht auf der Bühne. Nicht offiziell. Genau da, wo gute Ermittler stehen, wenn andere Leute die Öffentlichkeit verwalten.
Jennifer tritt ans Mikrophon.


JENNIFER
Meine Damen und Herren, danke, dass Sie trotz der späten Stunde und der dramatischen Wendungen des Abends geblieben sind.


Ein leichtes, erleichtertes Lachen geht durch den Saal. Gerade genug, um die Spannung zu entkrampfen, nicht genug, um sie zu leugnen.


JENNIFER
Wie Sie wissen, ist es heute Abend während der Abschlusszeremonie zu einem medizinischen Notfall gekommen. Der großzügige Philanthrop Walter Franklin ist verstorben. Wir werden uns nicht an Spekulationen beteiligen, bevor die zuständigen Stellen gesprochen haben.


Ein Murmeln. Ein Klicken von Kameras. Jennifer lässt den Raum ruhig werden.


JENNIFER
Was ich aber sehr wohl sagen kann, ist dies: In einem Moment, in dem viele nur zugesehen hätten, haben Menschen gehandelt.


Sie legt die Hand leicht an Shanes unversehrten Arm, dann auf ihren Wink Jonathan an Ilyas Ärmel. Nicht besitzergreifend. Nur dirigierend.


JENNIFER
Captain Shane Hollander und Captain Ilya Rozanov haben in der Krise schnell, mutig und ohne Rücksicht auf nationale Rivalität reagiert.


Jonathan übernimmt mit genau der richtigen Mischung aus Charme und glaubhaftem Ernst.


JONATHAN
Und weil wir Harts alte Romantiker der Zivilisation sind, möchten wir festhalten, dass zwei Konkurrenten, die sich auf dem Eis nichts schenken, im Ernstfall sehr wohl zusammenhalten können.


Die Kameras gehen auf Shane und Ilya. Shane nimmt das mit jener coolen, halben Müdigkeit an, die im Bild als Bescheidenheit funktioniert. Ilya mit aristokratischer Kälte, die in diesem Licht wie Disziplin aussieht. Jennifer lächelt.


JENNIFER
Wir danken beiden dafür ausdrücklich. Und wir werden sie, sobald dieser lange Abend vorbei ist, zu einem kleinen, sehr warmen und hoffentlich deutlich friedlicheren Abendessen in unser Chalet einladen.


Ein Auflachen im Saal. Wieder Kameras. Jonathan nickt zu den beiden hinüber.


JONATHAN
Es ist das Mindeste, was wir für heldenhafte, wenn auch offenbar rein zufällige Kooperation tun können.


Das Wort zufällig ist ein Geschenk. Jennifer weiß es. Shane merkt es. Ilya auch. Beide nehmen es an, ohne einander anzusehen. Eine Journalistin in der ersten Reihe hebt die Hand.


JOURNALISTIN
Mrs. Hart, heißt das, die beiden Captains waren gemeinsam an der Festnahme des mutmaßlich flüchtenden Arztes beteiligt?


Jennifer antwortet ohne Zögern.


JENNIFER
Es heißt, dass in einem chaotischen Moment mehrere Menschen mitgedacht und gehandelt haben. Wer genau in welcher Reihenfolge an welcher Tür stand, wird für die Ermittlungen präziser aufgearbeitet werden, als ich es heute Nacht tun kann. 


Sauber. Nichts preisgegeben. Alles gerettet. Jonathan tritt etwas näher ans Mikrophon.


JONATHAN
Wichtiger ist: Niemand hier sollte diesen Abend mit dem Eindruck verlassen, aus nationaler Konkurrenz sei menschliche Gleichgültigkeit geworden. Das Gegenteil war der Fall.


Er dreht den Kopf kurz zu Shane und Ilya.


JONATHAN
Darauf sind wir stolz.


Wieder Applaus. Nicht tosend. Aber ehrlich genug. Jennifer nutzt das.


JENNIFER
Und damit wir neben allem anderen auch etwas Praktisches sagen: Der Abriss dieser Halle wird stattfinden. Nicht als Verlust, sondern als notwendige Konsequenz. Die jüngsten Gutachten haben deutlich gemacht, dass der Bau in seiner jetzigen Substanz nicht weitergeführt werden kann.


Ein Raunen im Saal. Die Gemeinderätin richtet sich auf. Mehrere Lokalgesichter sehen plötzlich aus, als hätte ihnen jemand den sentimentalen Teppich unter den Füßen weggezogen. Jonathan übernimmt den härteren Teil, charmant genug, dass er wie Wohltat klingt.


JONATHAN
Hart Waste Destruction Industries wird kostenfrei die vollständige Entsorgung des Gebäudes übernehmen. Ordnungsgemäß, diskret, professionell und ohne dass dieser Ort noch weitere Menschen krank macht als in den letzten Jahrzehnten ohnehin. Das ist das Mindeste, was ich für diese herrliche Stadt tun kann - und für den Grund des Marianengrabens, in den wir diesen Müll versenken werden.


Das sitzt. Auch das ist Sühne. Auch das ist PR. Auch das ist in diesem Moment die richtige Sorte von Macht. Jennifer ergänzt:


JENNIFER
Wir schulden diesem Gebäude keinen Mythos mehr. Nur noch einen sauberen Abschied.


Kurze Stille. Dann wieder eine Hand im Publikum.


JOURNALISTIN
Was geschieht mit den angekündigten Stipendien?


Jonathan und Jennifer wechseln nur einen Blick. Ein Herzschlag. Jennifer lächelt sehr leicht.


JENNIFER
Heute Nacht sprechen wir über einen Todesfall und über Verantwortung im Augenblick. Über die Zukunft der Förderprogramme werden wir sprechen, sobald wir etwas verkünden können, das dieser Verantwortung auch standhält.


Eleganter geht es nicht. Nichts gelogen. Nichts verraten. Scully bemerkt es am Rand des Raumes und murmelt, kaum hörbar:


SCULLY
Sehr gut.


Mulder antwortet ebenso leise:


MULDER
Jennifer Hart ist ein Naturereignis in Abendgarderobe.


Shane steht vollkommen still. Ilya ebenso. Aber Scully sieht, wie sich in beiden die Erleichterung und das neue Problem zugleich ablegen: öffentlich geehrt, öffentlich nebeneinander, öffentlich als zufällige Kooperation erklärt. Das ist Alibi. Und Falle. Und Rettung. Jennifer beendet die Pressekonferenz.


JENNIFER
Wir danken Ihnen für Ihre Diskretion, Ihre Geduld und Ihre Fähigkeit, in sehr unterschiedlichen Formen von Unordnung anständig zu bleiben. Mehr sagen wir heute Nacht nicht.


Jonathan neigt leicht den Kopf.


JONATHAN
Und jetzt, bitte — gehen Sie alle nach Hause, schreiben Sie nichts Dummes und lassen Sie uns den Rest aufräumen.


Diesmal echtes Lachen. Applaus. Das Ende eines öffentlichen Teils. Die ersten Leute stehen auf. Stühle rücken. Mikrophone knacken. Stimmen werden wieder zu einzelnen Fäden. Jennifer fasst Shane kurz an den Ellbogen.


JENNIFER
Sie gehen jetzt nicht heldenhaft allein irgendwohin.


Dann zu Ilya:


JENNIFER
Und Sie sehen bitte so aus, als sei Ihnen diese Einladung nur aus Höflichkeit angenehm.


Ilya nickt leicht.


ILYA
Das kann ich.


Shane sagt trocken:


SHANE
Ich auch.


Jonathan lächelt.


JONATHAN
Wunderbar. Dann sind wir gesellschaftlich gerettet.


Während Jennifer die beiden in ein neues Licht dreht, sieht Mulder am Rand des Raumes etwas anderes.
Im Seitenflur, jenseits der offenen Tür, wird Toolidle abgeführt. Gefesselt war er noch vor wenigen Minuten. Jetzt nicht mehr. Zwei uniformierte Polizisten stehen dort, aber sie geben ihn nicht an einen Streifenwagen weiter. Stattdessen warten zwei Männer in dunklen Mänteln, unauffällig, zu unauffällig, mit jener fahlen Selbstverständlichkeit, die nie nach Provinz aussieht. Scully sieht es im selben Moment. Toolidle spricht nicht, aber er sieht zufrieden aus, fast hämisch. Die Uniformierten schweigen verärgert. Einer der Männer in Zivil zeigt nur kurz eine Ausweismappe. Zu kurz, zu routiniert. Toolidle wird übernommen. Mulder geht einen Schritt in den Flur. Scully folgt.


MULDER
Nein.


Die Männer in Zivil reagieren nicht einmal auf ihn. Einer nickt nur knapp dem älteren Polizisten zu. Dann führen sie Toolidle weiter, den Gang hinunter, dorthin, wo die Nebenausgänge liegen und keine Presse wartet. Scully bleibt stehen.


SCULLY
Das ist nicht Polizei. Er hat von Langley geredet. Sie wissen, was das heisst.


Mulder sieht den leeren Flur an, in dem Toolidle eben noch gewesen ist.


MULDER
Wenn er vorhin schon Langley gerufen hat, war das vielleicht kein Delirium.


Scully sagt nichts. Hinter ihnen klingen noch die letzten Reste von Jennifers perfekt gebautem Narrativ nach: Heldentum. Kooperation. Abendessen. Chalet. Wärme. Vor ihnen verschwindet der Arzt in zivilen Händen. Scully sieht zurück in den Saal, wo Jennifer gerade mit einer mühelosen Geste die letzten Fragen abwehrt und Jonathan Shane und Ilya mit genau der richtigen Dosis Leichtigkeit Richtung Ausgang führt.


SCULLY
Sie hat ihnen gerade ein öffentliches Alibi gebaut. Und wir verlieren gleichzeitig unseren besten lebenden Zeugen.


Mulder nickt langsam. Ein Herzschlag lang stehen sie einfach nur da: hinter ihnen Glamour, Disziplin und Schutz; vor ihnen das unsaubere, vertraute Ende von Akten, die nie ganz offen auf dem Tisch liegen dürfen. Scully atmet einmal aus.


SCULLY
Ich hasse es, wenn du in solchen Momenten recht hast. Das wird keine X-Akte werden.


Mulder sieht den leeren Flur an.


MULDER
Ich hasse es mehr, wenn ich es bin und es nichts nützt.


Jennifer tritt nun aus dem Saal, wirft nur einen kurzen Blick auf ihre Gesichter und weiß sofort genug. Jonathan kommt mit Shane und Ilya im Hintergrund nach.


JONATHAN
Dann würde ich sagen, wir sollten wenigstens das retten, was noch rettbar ist.


Jennifer sieht zu Shane und Ilya, dann wieder zu Mulder und Scully.


JENNIFER
Unser Chalet ist warm. Diskret. Und heute Nacht nützlicher als jeder weitere Korridor in dieser Halle.


Scully sieht zu Shane, dessen Schmerz jetzt hinter Haltung versorgt ist, und zu Ilya, der zu sorgfältig neutral aussieht. Mulder sieht denselben Zusammenhang und sagt nichts. Jennifer lächelt fast unmerklich.


JENNIFER
Kommen Sie. Bevor noch mehr Männer in Uniform oder Zivil glauben, sie müssten uns erklären, wie man Ordnung wahrt.


Sie geht voraus. Jonathan folgt mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit eines Mannes, der weiß, wann Charme als Räumfahrzeug für Katastrophen dienen muss. Shane und Ilya gehen nebeneinander, nicht zu nah, nicht zu fern, öffentlich perfekt erklärt und privat gefährlicher denn je. Mulder und Scully bleiben einen Moment zurück. Dann gehen auch sie. Hinter ihnen bleibt der Pressekonferenzraum leer, unterkühlt und ausgeatmet. Vor ihnen wartet der aufkommende Schneesturm.

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