Das grüne Zimmer

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Das grüne Zimmer war schöner, als Meghan es erwarten konnte. Es hatte nichts vom ausgetrockneten Drogheda um diese Jahreszeit, und gerade das machte es ihr nicht leichter. Die Wände waren mit einem blassen, kühlen, grünen Seidenstoff bespannt, der im Lampenlicht wärmer wurde. Auf dem Boden lag ein Teppich mit verschlungenen Pflanzen, Flüssen und Vögeln, halb Dschungel, halb höfische Karte eines Kontinents, den niemand in diesem Haus wirklich kannte. Am Fenster hingen Vorhänge mit mexikanischen Fliesenmustern, über dem Bett lag eine grüne Decke mit Andenstreifen, neben dem Sessel stand ein kleiner Tisch aus dunklem Holz, darauf karibisch wirkende Keramikschalen, alle grün glasiert. Selbst das Bad setzte die Farbe fort: grüne Fliesen, grüne Handtücher, grüne Seifenschalen, als hätte Vittorio den Kontinent Amerika in einen einzigen botanischen Traum übersetzen lassen.
Lito trat ein, blieb aber nicht in der Mitte stehen. Er ging zuerst zur Tür zurück und schloss sie so, wie Vittorio es verlangt hatte. Dann sah er sich um, nicht neugierig wie ein Tourist, sondern mit dem Blick eines Schauspielers, der prüft, in welche Kulisse er soeben gestolpert war.


Meghan blieb beim Bett stehen. Sie berührte die Decke, zog die Hand aber sofort zurück. Der Stoff war grober, als er aussah. Er erinnerte sie mehr an Schafwolle als an Seide.
„Dieses Zimmer meint Amerika, aber es hat offenbar beschlossen, dass Amerika nur grün sein darf. Ich erkenne Mexiko in den Mustern, vielleicht Peru in der Decke und etwas Karibisches in den Schalen, aber alles wurde gezähmt, damit es in ein europäisches Gästezimmer passt. Das ist nicht falsch genug, um lächerlich zu sein, und nicht wahr genug, um beruhigend zu wirken.“


Meghan sah ihn nicht an. Sie setzte sich auf die Bettkante, die Hände im Schoß, den Rücken zu gerade. Lito nahm den Sessel, weit genug von ihr entfernt, dass keine Geste als Annäherung missverstanden werden konnte.
„Sie müssen keine Angst haben, dass ich Ihnen zu nahe komme. Ich bin hier, weil der Kardinal uns in eine seiner farbigen Versuchsanordnungen gesetzt hat, nicht weil ich diese Nacht für romantische Verwechslungen geeignet halte. Wenn Sie möchten, schweige ich, aber ich werde nicht so tun, als wäre Schweigen immer dasselbe wie Respekt.“
Meghan hob den Kopf. Seine Stimme hatte nichts Angriffslustiges. Das machte ihn gefährlicher.
„Sie glauben also, Sie seien mir gegenüber im Vorteil, weil Sie freundlich sprechen und dabei aussehen, als wollten Sie niemanden verletzen. Männer wie Sie haben meinem Leben mehr Schaden zugefügt als Männer, die einfach nur grob waren, denn bei ihnen merkt man wenigstens sofort, dass sie nehmen wollen. Ich habe gelernt, dass ein schöner Ton keine Garantie für ein anständiges Herz ist.“
Lito nahm die Worte auf, ohne sich zu verteidigen. 
„Sie meinen nicht mich, auch wenn ich der bin, der hier sitzt. Sie meinen Luke, und vielleicht Arnie, und vielleicht jeden Mann, der Ihnen später sagte, Sie müssten traditioneller, großzügiger oder verständnisvoller sein, während er selbst längst durch eine Tür gegangen war, die Ihnen verschlossen blieb. Ich werde Ihnen nicht absprechen, dass Sie verletzt wurden, aber ich werde nicht zulassen, dass Sie aus dieser Verletzung eine Aussage über mich und meinen Freund machen. Wir beide haben nie geheiratet und dann eine Frau mit Kindern im Stich gelassen.“
Meghan stand auf. Sie ging zum Fenster, zog den Vorhang aber nicht zurück. Hinter der grünen Stoffbahn lag Griechenland, dunkel und gleichgültig.
Auf dem Gang bewegte sich etwas. Vittorio war auf dem Weg vom roten Zimmer zurück zur Konsole mit der Wasserkaraffe. Er hatte nicht vor, vor dem grünen Zimmer stehen zu bleiben. Dann hörte er Lukes Namen und blieb doch stehen, nicht aus Neugier, sondern aus jener unglücklichen Verantwortung heraus, die einen Priester manchmal genau dorthin stellt, wo er nicht sein sollte.


Im Zimmer sprach Meghan weiter. Ihre Stimme war nicht laut. Sie musste nicht laut sein, um zu schneiden.
„Luke war mein Mann, und ich wusste nicht, dass mein eigenes Leben neben ihm nur eine Hülle war. Er nahm Geld, Würde und Ordnung mit, als er ging, und ließ mir die Rolle der Frau zurück, die nichts bemerkt hatte. Danach sah jeder Mann, der einen anderen Mann liebte, für mich aus wie eine Erinnerung daran, dass ich mein eigenes Haus nicht hatte lesen können.“
Lito senkte den Blick auf den grünen Teppich. Die gewebten Flüsse liefen in alle Richtungen, ohne irgendwo anzukommen.
„Ich verstehe besser, warum Sie mich ansehen, als wäre ich ein Beweisstück in Lukes Prozess. Aber ich bin nicht der Mann, der Sie verlassen hat, und ich bin auch nicht der Mann, mit dem er ging. Wenn Sie mich hassen müssen, um nicht an ihm zu zerbrechen, dann kann ich diesen Hass eine Weile aushalten, aber ich werde ihn nicht erwidern.“
Meghan wandte sich um. Ihre Augen waren trocken, aber nicht ruhig.
„Sie sprechen wie jemand, der immer eine Bühne unter den Füßen hat. Ich hatte keine Bühne, sondern Kinder, Rechnungen, eine Familie, die sich nur in ihrer eigenen Frömmigkeit überhaupt entwickelte, und einen Sohn, der mich wenigstens so liebte, dass ich nicht jede Stunde an mir zweifeln musste. Justine verlangte von mir etwas, das ich nicht geben konnte, weil ich nach Luke nur noch wusste, wie man einen Verlust bewacht.“
Lito nahm den Namen Justine nicht sofort auf. Er ließ ihn im Raum, weil er spürte, dass Meghan ihn nicht nur ausgesprochen, sondern beinahe fallen gelassen hatte.


„Dane war für Sie nicht nur Ihr Sohn, sondern auch der Beweis, dass Sie noch geliebt werden konnten. Justine dagegen war lebendig, fordernd, brillant und nie bereit, sich mit den Resten einer müden Mutter zufrieden zu geben. Vielleicht haben Sie sie nicht weniger geliebt, aber Sie haben sie öfter als Anklage empfunden, und Kinder wissen das, auch wenn niemand es ihnen sagt.“
Meghan setzte sich wieder. Diesmal sah sie nicht beleidigt aus, sondern getroffen. Der Unterschied war klein und grausam.
Vittorio schloss auf dem Gang die Augen. Er hätte jetzt weitergehen müssen. Ein Beichtvater durfte nicht durch eine Tür erhalten, was ihm niemand anvertraut hatte. Aber das Schlüsselloch, durch das die Töne drangen, war nicht geschlossen, die Nacht war nicht sicher, und das Haus hatte seit Valerias Sturz oder Fall oder Sprung seine alten Regeln verloren.
Meghan sprach langsamer, als müsse sie jedes Wort erst aus einem alten Dorn lösen.
„Valeria Sebastienne hat mir geschrieben, bevor sie hierherkam, sie hat mir aufgelauert, als ich einmal in Gilley Gewand kaufte und sie hat mir gedroht, mich bis an den Rand der Welt zu verfolgen, weil ich sie um ihr Erbe betrogen habe. Zuerst waren es Andeutungen, dann Kopien, dann ein Ton, als hätte sie bereits gewonnen, weil sie wusste, dass ich beim ersten Brief zu lange schweigen würde. Sie hatte keine Wahrheit in der Hand, Lito, sondern etwas Schlimmeres: verschwommene Bilder, schlechte Ausschnitte, Schatten, in die jeder hineinsehen konnte, was er ohnehin glauben wollte.“
Lito blieb sehr still. Kein Schauspiel, kein höflicher Schreck. Nur Aufmerksamkeit.
„Sie müssen es nicht sagen, wenn Sie glauben, dass das Sagen es stärker macht. Aber manchmal wird ein Bild mächtiger, wenn es allein im Dunkeln bleibt, weil man dann beginnt, es für größer zu halten, als es ist. Ich kann zuhören, ohne das Bild zu werden, und ich kann unterscheiden zwischen dem, was eine Photographie zeigt, und dem, was Menschen daraus machen wollen.“


Meghan schloss die Hände ineinander. Sie schämte sich wie eine Frau, die eine Sünde beichtet.
„Es waren Bilder von Ralph de Bricassart und mir. Nicht deutlich, nicht eindeutig, nicht einmal gut genug, um vor einem nüchternen Richter mehr als Zweifel zu wecken. Aber ein Richter war nie das Publikum, vor dem Valeria mich zerstören wollte; sie wollte Familie, Kirche, Australien, Drogheda und all jene Menschen, die aus Unschärfe lieber Schmutz machen als Mitleid. Sie verlangte das ganze Erbe, das sonst ich und meine kinderlosen Brüder bekommen würden. Sie wollte Ralph dafür öffentlich bloßstellen, dass er mich geschwängert hat, als ich noch mit Luke verheiratet war.“
Vittorio öffnete die Augen im Schreck.
Der Name Ralph hatte im Gang mehr Gewicht als jedes Geräusch. Er war nicht überrascht. Das war das Schlimme. Ein Teil von ihm hatte diese Wahrheit seit Jahren im Halbdunkel gekannt, ohne sie je auszusprechen. Ralphs Blick, Meghans Schweigen, Danes Gesicht, die Art, wie Trauer in dieser Familie immer auch nach einer verbotenen Liebe roch.
Im Zimmer saß Lito reglos. Seine nächste Rede kam nicht schnell. Sie kam erst, als Meghan den Kopf hob und seine Reaktion suchte.
„Ich werde seinen Namen nicht benutzen, um Sie zu verletzen. Ich habe in meinem eigenen Leben erlebt, wie Menschen aus Liebe eine Schlagzeile machen, weil ihnen die Schlagzeile leichter fällt als das Herz. Wenn Valeria nur Fotos hatte, dann hatte sie vielleicht genug für Grausamkeit, aber nicht genug für Wahrheit. Aber jetzt verstehe ich Justine noch mehr: Sie wusste nicht, dass Dane nur ihr Halbbruder war, stimmt es? Sie litt darunter, weil sie dachte, es wäre die Bevorzugung des Mannes gegenüber der Frau, warum Sie Dane mehr liebten als sie. Aber in Wirklichkeit liebten Sie Danes Vater mehr als Justines. Sie konnte nie etwas dafür!“
Meghan sah ihn an, und diesmal war ihr Blick nicht feindselig. Er war zerknirscht, aber wach.
„Sie drohte nicht nur mit den Fotos. Sie drohte zu behaupten, Dane sei nicht Lukes Sohn gewesen, sondern Ralphs Kind, und das war der Teil, der mich am meisten krank machte. Dane war Ralphs Sohn, und ich weiß das so sicher, wie eine Mutter überhaupt etwas wissen kann, aber Valeria brauchte keine Wahrheit, weil schon der Zweifel ausgereicht hätte, um den Toten noch einmal zu entweihen.“


Lito atmete langsam ein. Selbst er, der gern Worte fand, musste sie jetzt suchen.
„Dann wollte sie nicht nur Sie treffen, sondern auch Dane, Ralph und Justine, sogar wenn Justine die letzte wäre, der man es sagt. Sie wollte nicht beweisen, sondern beschmutzen, und sie verstand offenbar, dass Familien manchmal stärker auf Andeutungen reagieren als auf Tatsachen. Das ist besonders grausam, weil ein toter Sohn sich nicht gegen das Gerücht wehren kann, das man ihm nachwirft.“
Meghan bedeckte ihr Gesicht nicht. Sie hätte es vielleicht früher getan. Jetzt saß sie da und ließ den Satz vor sich liegen.
„Ich habe Dane schon verloren, und trotzdem hatte ich Angst, ihn durch dieses Gerücht noch einmal zu verlieren. Das klingt verrückt, weil Tote nicht mehr genommen werden können, aber eine Mutter weiß, dass sogar die Erinnerung an ein Kind verwundbar bleibt. Valeria hielt mir keine Pistole an den Kopf, sondern ein unscharfes Foto vor die Seele, und ich hasse mich dafür, dass es wirkte. Ich habe Luke nie geliebt, immer nur Ralph, aber Ralph hat mich auch geliebt, nur dass er die Kirche mehr liebte als mich. Da war ich mit Dane zufrieden. Und das war der Grund, warum ich nicht zerbrach, als Luke mich ohne mein Geld sitzen ließ und mit Arnie durchbrannte: Ich musste für Dane leben, Gottes verbotenes Geschenk an eine Liebende. Und ich habe es ertragen, dass er Priester werden wollte. Ich habe äußerlich zugestimmt, innerlich gelacht über diesen schrägen Humor Gottes: Der Vater wie der Sohn. Doch wussten Sie, dass Dane sich trotz seines Studiums und seiner Position bei Ralph als Sekretär sich dafür entschieden hatte, sich zum Dorfpfarrer von Gilley degradieren zu lassen, um in meiner Nähe sein zu können? Valeria hat gedroht, das Photo am Tag seiner Amtseinführung in der ganzen Stadt aufzuhängen. Der Bischofssohn und die Farmerbschleicherin als Eltern des neuen Pfarrers.“


Auf dem Gang legte Vittorio eine Hand an die Wand. Nicht zur Stütze, sondern um sich daran zu erinnern, dass er nicht in diesem Zimmer war. Es war nicht seine Beichte. Es war nicht sein Recht. Und doch hatte die Nacht ihn zum Zeugen gemacht.
Lito sprach nun sanfter, aber nicht weichgespült. Meghan hätte Weichheit als Herablassung empfunden.
„Ich glaube nicht, dass Sie sich dafür hassen müssen, dass Sie Angst hatten. Menschen, die drohen, suchen nicht unsere starken Stellen, sondern die Orte, an denen wir ohnehin kaum Haut haben. Wenn Sie Valeria Geld gegeben hätten, hätte sie vielleicht mehr verlangt; wenn Sie geschwiegen hätten, hätte sie das Schweigen als Schuld verkauft; und wenn Sie geschrien hätten, hätte sie Ihren Schrei als Beweis genommen.“
Meghan sah zur Tür. Der Schatten des Schlüssellochs wirkte plötzlich wie ein offenes Auge.
„Glauben Sie, Vittorio weiß es? Er ist Ralphs Freund, oder etwas Ähnliches, das bei Kirchenmännern Freundschaft heißen darf, solange niemand den Preis der Protektion benennt. Ich habe manchmal gedacht, er ahnt alles, was Ralph nicht sagte, und gerade deshalb hat sein Schweigen mich mehr erschreckt als jede Frage.“
Vittorio senkte den Kopf.
Er hatte es nicht wissen wollen, und doch hatte er es geahnt. Das war eine der bequemsten Sünden gebildeter Menschen: eine Ahnung so lange für Barmherzigkeit halten, bis sie zu spät kommt, um irgendwen zu retten.
Lito stand auf und ging nicht zur Tür, sondern zum Fenster. Er zog den Vorhang einen Fingerbreit zur Seite. Draußen lag nicht Amerika, sondern das griechische Dunkel. Im Glas spiegelte sich Meghan im grünen Zimmer, klein und bleich.
„Vielleicht hat er geahnt, dass zwischen Ihnen und Ralph etwas war, das keinen guten Namen tragen konnte. Vielleicht hat er geschwiegen, weil Schweigen in Rom manchmal wie Seelsorge aussieht, selbst wenn es nur Freundschaft ist. Aber ich glaube nicht, dass irgendein Mann, nicht einmal ein Kardinal, die Pflicht hat, von sich aus Ermittlungen gegen einen Freund einzuleiten.“
Meghan lachte leise. Es war kein fröhlicher Laut, aber ein menschlicher.
„Ihr Eindruck von Kirche stammt wohl aus einem Inquisitionsfilm, in dem Sie einen aztekischen Hexer gespielt haben, der von Dominikanern auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, aber so, dass zuvor noch sein makelloser Körper lange genug im Fokus der Kamera bleiben konnte. Sie lieben die spanische Kirche mehr als die griechische, obwohl Sie hier mit einem italienischen Kardinal Kaffee trinken und Bombé essen. Sie mögen Mütter, das haben Sie vorhin gesagt, und vielleicht macht Sie das gefährlicher als Wolfgangs Springmesser oder Suns Fäuste. Sie sprechen von Liebe, als wäre sie möglich, und das ist in diesem Haus tragisch: Wer liebt, geht an der Liebe zugrunde, aber ohne diese Liebe würde er nicht leben.“
Lito ließ den Vorhang zurückfallen. Er lächelte nicht. Der Satz hatte ihn getroffen, weil er nicht nur von Meghan sprach.
„Meine Mutter hat mich gesehen, als ich dachte, dass mein Leben vorbei sei, wenn sie mich wirklich sieht. Sie hat nicht alles verstanden, und sie musste nicht alles verstehen, um mich weiter zu lieben. Seitdem weiß ich, dass Liebe nicht immer klug ist, aber sie kann bleiben, und manchmal ist Bleiben die einzige Form von Wunder, die uns zusteht.“
Meghan schloss die Augen. Für einen Moment war das grüne Zimmer kein falsches Paradies mehr, sondern nur ein Raum, in dem eine Frau eine Möglichkeit ertragen musste, die sie ihrem eigenen Kind verweigert hatte.
„Ich weiß nicht, wie man Justine so liebt, wie sie es braucht. Dane war mein Sohn, und mit ihm war die Liebe leicht, denn alles, was ich in seinem Vater liebe, hatte er noch unschuldiger. Justine steht vor mir wie ein Spiegel, der nicht verzeiht, und manchmal hasse ich nicht sie, sondern die Frau, die ich in diesem Spiegel bin.“
Lito setzte sich wieder, diesmal etwas näher als zuvor, aber noch immer auf Abstand.
„Dann beginnen Sie vielleicht damit, ihr nicht mehr vorzuwerfen, dass sie lebt. Ich sage das nicht, um grausam zu sein, sondern weil sie den Vorwurf längst hört, auch wenn Sie ihn nicht aussprechen. Ein Kind, das überlebt hat, braucht keine Mutter, die den Toten weniger liebt, sondern eine Mutter, die ihm erlaubt, nicht als Ersatz für den Toten zu atmen.“
Meghan öffnete die Augen. Darin lag ein Schmerz, der älter war als diese Nacht und doch von ihr neu beleuchtet wurde.


„Ist das aus einem Ihrer mexikanischen Filme? Ich fürchte, ich habe noch nie einen von ihnen gesehen. Wenn ich so lieben könnte, wäre ich vielleicht eine bessere Frau gewesen. Vielleicht hätte Luke mich dann nicht verlassen, vielleicht hätte Dane nicht nach Rom gehen müssen, vielleicht hätte Justine nicht gelernt, jede Zärtlichkeit in Theater zu verwandeln. Ich weiß, dass das Unsinn ist, aber Schuld ist selten logisch; sie ist nur tragisch: Was ich will, darf ich nicht tun; was ich darf, interessiert mich nicht; und was ich Justine schulde, das interessiert mich nicht; und was mich interessierte, ist Justine egal: wie ein minotaurisches Labyrinth.“
Auf dem Gang atmete Vittorio leise aus. Er wusste, dass er jetzt gehen musste, bevor das Lauschen endgültig zur Verletzung wurde. Doch genau in diesem Augenblick sagte Meghan den Satz, den er nicht mehr ungehört machen konnte.
„Valeria wusste nicht alles, aber sie wusste genug, um aus meiner Liebe zu Ralph, aus meiner Scham vor Luke und aus meiner Trauer um Dane ein einziges hässliches Gerücht zu bauen. Wenn sie heute Nacht sterben musste, dann nicht, weil sie die Wahrheit kannte, sondern weil sie aus jedem Splitter eine Klinge machte. Ich habe sie nicht getötet, Lito, aber ich wäre eine Lügnerin, wenn ich sagte, dass ihr Tod mir keine Genugtuung verschafft, weil ich, egal wer sie gestoßen hat, Gott für diese Person und ihren Mut danke.“
Lito senkte den Kopf. Er gab ihr keine Absolution. Er war kein Priester, und vielleicht war es gut, dass er keiner war.
„Ich glaube Ihnen, dass Sie sie nicht getötet haben, und ich glaube Ihnen auch, dass ein Teil von Ihnen erleichtert ist. Beides kann wahr sein, und gerade das macht es schwer, am Morgen unschuldig zu wirken. Aber vielleicht ist diese Nacht nicht dazu da, dass alle rein erscheinen, sondern dazu, dass niemand mehr allein mit dem Schmutz bleibt, den Valeria hinterlassen wollte. Und ich muss Ihnen noch etwas sagen: Sie müssen Gott nicht meinetwegen danken: Ich habe Sebastian Valerienne auch nicht geschubst!“
Vittorio trat endlich zurück. Er wollte schon fast die Tür öffnen und in das Zimmer hinein „Valeria Sebastienne“ sagen, doch er fasste sich schnell genug.
Er bewegte sich so leise er konnte, doch der alte Boden war weniger barmherzig als er. Eine Diele gab nach. Im grünen Zimmer verstummten beide.
Meghan sah zur Tür.
„Ist jemand im Gang, ein Tier, ein Mensch, die Mörderin? Ich habe es gehört, und diesmal werde ich mir nicht einreden lassen, es sei nur das Haus.“
Lito ging zur Tür und öffnete sie nicht ganz. Er sah hinaus. Kein Tier, kein Mensch und erst recht keine Mörderin.
Lito sah vom Gang zu Meghan. Er spürte, wie viel Angst sie hatte. „Kein Tier, kein Mensch, keine Mörderin und auch kein Mörder. Der Gang ist leer, es knarrte wohl nur das Holz.“
Meghan antwortete erst nach einer langen Pause.


„Dann tun Sie, was Türschließer angeblich tun sollen, und schließen Sie die Türe. Ich bin jetzt müde und werde ein wenig schlafen. Es ist kein Problem, wenn Sie sich auf die andere Seite des Bettes legen, aber lassen Sie ihre Hose an!“
Im grünen Zimmer schwiegen beide lange. Während Meghan sich mit ihrem Kleid auf die Tagesdecke legte, zog Lito Schuhe, Socken und sein Hemd aus, ließ aber die Hose an. Er genoss hämisch, dass Meghan einen verstohlenen Blick auf ihn warf, nicht mehr mit Abscheu, sondern mit Respekt. Sie nickte, bevor er sich neben sie legte. Er spürte ihren Atem, schlief aber ein, bevor er noch ihr „Gute Nacht“ hören konnte.

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